Ann Cotten

Geboren 1982 in Iowa (USA). Aufgewachsen in Wien. Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt. Sie lebt in Wien und Berlin.

Gert-Jonke-Preis 2021. Dass sich Cotten in jedem Satz, ja fast schon jedem Wort auf mindestens drei bis vier Deutungsebenen gleichzeitig bewegt, dürfte keine große Überraschung mehr sein seit ihrem skurril-verspielten Versepos Verbannt! […]

Anja Küm


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Der Raab sagt:

Wenn du eine klare Antwort haben willst
 musst du eine klare Frage stellen.
Aber vielleicht willst du auf die vage
Frage eine klare Antwort haben.
Dass bedeutet, dass du aufs Brutale stehst.
Du willst einen Bruder, der dich aufhebt.
Statt der Wahrnehmungen klebt dir eine Faust
die Stirn zusammen wie der Henkel eine Lade.
Aber auch der Wunsch nach einer vagen Antwort auf die
klare Frage
ist Begehren, jemand gäbe einem was,
Vergrößernd deine Welt; und führte dich hinaus.

So groß die Welt auch ist, du musst ja doch hinaus,
nun wird der Weg recht lang: ein einziges nunc stans
(was?)
Wenn du eine dicke Krake krallen willst,
musst du ihr eine schrille Reuse stellen.
Hingegen dieser Wunsch nach einer klaren Frage
klebt deine Stirn zusammen wie der Henkel eine Lade.
Aber vielleicht willst du nur auf dieses vage
Begehren eine klare Watsche haben.
So etwas bewegte den berühmten Faust
zu suchen, was ihn mit dem kleinen Finger aushebelte.
Ich verstehe, dass du auf das Totale bestehst.

Die Grundstruktur ist: alles aus Milet – Häh?
Du kannst nicht alles kennen, was dich aufhebt.
Weil der Versuch, darauf läuft es hinaus:
Du verarbeitest etwas, aber was
es war und was es ist – besser ab jetzt die Faust
des reinen Klangs, der Dauer, die wir zu erleiden haben.
Obwohl du keine klare Antwort wolltest,
ist es ok, weil man sie immer neu umstellen
kann. Nur am Ende eben muss die Waage
gerade stehn, damit ohne Problem die Lade
sich hineinschieben lässt wie eine Antwort auf die Frage.

Aus dem Manuskript

Buchveröffentlichungen von Ann Cotten, zuletzt: Lyophilia (2019)