Poesie und Sprechblase

 

Willkommen zum Lyriktreffen 2026! Das Leitmotiv unseres diesjährigen Festivals ist „Poesie und Sprechblase“. Wir wenden uns damit einem Phänomen zu, das unsere Gegenwart zunehmend prägt: der Omnipräsenz von Floskeln, Phrasen, Formeln. Schwindelerregend laut, algorithmisch kuratiert, kaum zu ignorieren. Gemeinsam mit unseren Gästen aus Dichtung, Übersetzung und Comic wollen wir uns und Ihnen eine Pause gönnen von der betäubenden Verschlagwortung unseres Denkens und nach anregenderen sprachlichen Figuren suchen. Nach solchen, die man gerne bei sich hat, weil sie aufmerksam sind und genau, weil sie Fragen haben, Witz und ein gutes Gehör.

Manipulation durch Phrasen ist nichts Neues. „ohne sorge sei ohne sorge“ – so ließ Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag wir 2026 feiern, die Konsumwelt im Gedicht „Reklame“ säuseln. Bachmanns präzise gefasste Sprechblase gibt einen kraftvollen Impuls, mit dem nun 70 Jahre später acht Künstler:innen aus Poesie und Comic in einen Dialog aufgebrochen sind. Beide Kunstformen setzen dem digitalen Dauerschäumen Präzision und Verknappung entgegen, für das Lyriktreffen haben die Künstler:innen nun nach 2024 schon zum zweiten Mal Kooperationsmöglichkeiten erkundet. Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit sind zu sehen in der Stadthausgalerie: „PoesieComic. Eine Begegnung“.

Dass Begegnungen unerwartet Neues erschaffen können – diese Hoffnung trägt auch zwei Formate, mit denen wir die Räume für direkten persönlichen Austausch erweitern. 2026 können Sie nicht nur Ihren Wortballast im „Büro für überflüssige Worte“ bei Dirk Hülstrunk abgeben. Wir laden Sie außerdem ein, von Lyrik-Hörenden zu Lyrik-(Mit-)Sprechenden zu werden. Zum ersten Mal richten wir „Lesezimmer“ ein, in denen Sie Gedichte unserer Gäste gemeinsam mit anderen lesen und diskutieren können. Zunächst in kleinen Gruppen, mit Gleichgesinnten und je einem Dichter, einer Dichterin, und anschließend in größerer, locker sprudelnder Runde beim „Kaffeklatsch“.

Wie immer liegt auch dem diesjährigen Lyriktreffen das poetische Zwiegespräch zwischen den Sprachen besonders am Herzen. Der traditionsreiche Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie geht 2026 an die serbische Dichterin Milena Marković und das Übersetzerpaar Mirjana und Klaus Wittmann – wir gratulieren! Inmitten algorithmisierter Sprachmuster gewinnt die poetische Übersetzung noch an Bedeutung, ist doch der sorgsame Gedankentransfer von der einen in eine andere Sprache prädestiniert dafür, hohle Sprechblasen zu identifizieren und platzen zu lassen. Ähnliche Erfahrungen dürften Autor:innen machen, deren Wirklichkeit den Sprachwechsel alltäglich fordert. Wir freuen uns darauf, diese und ähnliche Fragen mit unseren Gästen zu diskutieren – und natürlich, die Dichter:innen des Festivals lesen zu hören, in diesem Jahr illustrativ begleitet vom Graphic Recording durch Leefje Roy. Bei den großen Lyriklesungen am Freitag und Samstag Abend begegnen Sie u.a. in den Stimmen von Ursula Krechel, Oksana Maksymchuk, James Noël, Abdalrahman Alqalaq und Monika Rinck der Kraft poetischer Präzision.

Wir wünschen viel Vergnügen und freuen uns darauf, Sie persönlich begrüßen zu dürfen!